Die ungarische Wiesenotter

Die Ungarische Wiesenotter (Vipera ursinii rakosiensis Méhely, 1893) lebt in Steppenrelikten. Ihre übriggebliebenen Populationen leben auf Weiden- und Wiesenflächen, die feuchte und trockene Bereiche, vielfältige Oberflächenstruktur und reichen Nahrungsbasis aufweisen. Sie überwintert in den höchstgelegenen Bereichen ihres Lebensraumes in Nagetier-Bauten. In der Paarungszeit im Frühling sind die Männchen besonders aktiv, und zu dieser Zeit am leichtesten zu beobachten. Ende Sommer oder Anfang September, abhängig von der Zahl der sonnigen Tage, bringen die Weibchen dieser lebendgebärenden Art zwischen 6 und 14, 12-16 cm lange Jungtiere zur Welt, die knapp 2 g wiegen. Sie werden mit 3 bis 4 Jahren geschlechtsreif. Nach unseren Messungen war das größte Männchen 47.1 cm, und das größte Weibchen 59.8 cm lang. Die Jungtiere ernähren sich hauptsächlich von Geradflüglern (Heuschrecken und Grillen), die Erwachsenen erbeuten zusätzlich auch Eidechsen, Nestlinge und junge Nagetiere. Das Gift der Ungarischen Wiesenotter ist für erwachsene Menschen ungefährlich. Bissverletzungen verursachen lokale Symptome, die einem Bienenstich ähnlich sind und kommen durch die geringen Vorkommen und die zurückgezogene Lebensweise dieser Art äußerst selten vor. (Trotzdem suchen Sie unverzüglich einen Arzt auf, wenn Sie einen Biss erleiden!) Die versteckte Verhaltensweise ist vor allem für Jungtiere überlebenswichtig, da sie auf der Speisekarte vieler Tierarten stehen. Störche, Reiher, Weihen, Blauracken, Fasane oder auch die stark gefährdete Großtrappe nutzen Wiesenottern als Nahrung. Selbst aus ihren unterirdischen Verstecken werden sie von Wildschweinen, Füchsen und Dachsen ausgegraben.
Vorkommen der Art
Lajos Méhely hat die ehemaligen Vorkommen der Art auf den Seiten der Naturwissenschaftliche Berichte (Természettudományi Közlöny) in 1912 so bezeichnet:“Sie kommt in Ungarn in der Nähe von Budapest auf den Rákos, in Angyalföld, Rákoskeresztúr, Pusztaszentmihály, auf der Babád-Puszta, sowie in Örkény, in der Nähe von Kecskemét auf der Bugacz- und Tazlár-Puszta, auf den Szénafüvek in Klausenburg, sporadisch auf der Ebenen im Komitat Vas und um den Neusiedler See herum vor, und wurde letzten Sommer in größeren Mengen im Komitat Moson, auf der Hanság gesehen. Außer Ungarn ist sie vor Allem im Wiener Becken, auf der Ebene zwischen der Leitha und den Wienerwald verbreitet, und kommt in der Umgebung von Laxenburg besonders häufig vor“.
Ihre Populationen sind nur auf zwei Gebieten in Ungarn: in der Hanság und Kiskunság übriggeblieben, die andere Populationen können als ausgestorben angesehen werden. Olivér György Deli, hat in der Band „Reptilien“ von „Tierreich Ungarns“ (Magyarország Állatvilága – Hüllők) noch 31 Lebensstätten erwähnt, wobei heutzutage nur zwei Populationen aus der Hanság und weniger als zehn aus der Kisnkunság bekannt sind. Der ungarische Bestand ist vermutet, geringer als 500 Tiere zu sein.
Schutz der Art
In Ungarn ist die Ungarische Wiesenotter seit 1974 geschützt, und seit 1988 sogar streng geschützt, seit 1992 gehört sie in der höchsten Schutzkategorie, ihr Naturschutzwert beträgt eine Summe von 1.000 000 Ft. (zirka 3500 Euro). Auch international, wurde ihre kritische Lage erkannt, und wurde in Anhang II. der Berner Konvention eingenommen, die Weltnaturschutzunion (IUCN) kategorisiert sie als gefährdet, und sie befindet sich im Anhang I. des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES), und auch im II. HD List der Berner Konvention. Weitere zwei Empfehlungen der Berner Konvention für Ungarn handeln über den Schutz der Wiesenotterpopulationen. Sie steht auch im II. List der Natura 2000 Netzwerk, und somit wurden auch alle ihrer Lebensstätten darin aufgenommen. In diesen Gebieten muss die Geländeverwaltung den Bedarf der Wiesenotter folgen.
Ursachen ihres Verschwindens
Die Hauptursache des Verschwindens der Populationen ist die Veränderung der Lebensplätze. Méhely schrieb in 1912: „In der Umgebung von Budapest war sie, in den Ebenen früher häufiger zu finden, verschwand aber in den letzten Jahren, und wurde in Folge der fortgeschrittenen Kultur immer mehr in weiter entfernten Gegenden verdrängt. Die Gebiete der Puszta werden überbaut, oder in Anbau genommen, die Umgebung wird lauter, die Gelände verändert sich, und die Otter sterben wegen der ewigen Störung aus, oder brechen nach Gebieten auf, wo der Mensch noch nicht eingetroffen ist, mit seinen ichsüchtigen, alles zusammenwühlenden Arbeit“. Durch Drainagierung ehemaliger Vorkommensgebiete wurde eine Intensivierung der Landwirtschaft ermöglicht. Auf den verbliebenen Wiesen wurden intensive Bewirtschaftungsmethoden angewandt, die sich ebenfalls negativ auf die verbliebenen Wiesenotter-Populationen auswirkten. Die Bestände wurden zudem durch professionelles Sammeln für den Tierhandel oder auch absichtliches Töten immer kleiner. Die restlichen, voneinander isolierten Vorkommen bestehen oft aus nur wenigen Exemplaren und somit können auch kleine lokale Katastrophen solche Populationen auslöschen.
Der Vipera ursinii Artenkomplex
Die ungarische Wiesenotter (Vipera ursinii rakosiensis Méhely, 1893) ist eine kleinwüchsige, auf Tiefebenen lebende Steppenform des komplizierten Vipera ursinii Artenkomplexes. Anhand morphologische und biochemische Untersuchungen wurden die ungarischen Populationen als Unterart definiert. Diese Forschungen zeigten auch, dass die Ungarische Wiesenotter am engsten mit der bergbewohnenden, französischen und italienischen Nominatform (Vipera ursinii ursinii Bonaparte, 1835) verwandt ist, welcher auf den italienischen Abruzzo und den französischen Mont-Ventoux und Montagne de Lure lebt. Andere Bergformen sind die Karstotter (Vipera ursinii macrops Méhely, 1911) in dem Dinarischen Gebirge, und die Griechische Wiesenotter (Vipera ursinii graeca Nilson & Andrén, 1988) im Pindos Gebirge. Die Moldawische Wiesenotter (Vipera ursinii moldavica Nilson, Andrén et Joger, 1988) zeigt ein interessantes Verbreitungsmuster. Der Lebensraum der Populationen im Donau Delta ist eine halophyle Seeküstenvegetation, während die Vorkommensgebiete auf den Hügel in der Umgebung von Iasi Steppenvegetation zeigen. Vermutlich gehören die Exemplare, die in Bulgarien auftauchten, und als Ungarische Wiesenotter bezeichnet wurden auch zu dieser Unterart. Auch einige, früher als Unterart zu dem Artenkomplex gehörende Arten sollen hier erwähnt werden. Solch eine Art ist die Steppenotter (Vipera renardi Christoph, 1861), welcher von den Schwarzen Meer bis zum Tien Shan auf Tiefebenen und auch auf Gebirgen verbreitet ist. Andere bergbewohnende Arten sind die Anatolische Wiesenotter (Vipera anatolica Eiselt & Baran, 1970) in der Türkei, die Armenische Wiesenotter (Vipera eriwanensis Reuss, 1933), die Iranische Wiesenotter (Vipera ebneri Knoeppfler & Sochurek, 1955), und die Kaukasische Wiesenotter (Vipera lotievi Nilson, Tuniyev, Höggren et Andrén, 1995). Im Allgemeinen werden die Populationen der Arten und Unterarten immer mehr zurückgedrängt, bilden kleine, isolierte Populationen, die sehr verletzbar sind, und könnten in Folge der Umweltveränderung der Menschen leicht verschwinden.
Geschichte der Art
Die Geschichte der Ungarischen Wiesenotter (Vipera ursinii rakosiensis Méhely, 1893) fing 1892 an, und heute, 112 Jahren später müssen wir ernst damit rechnen, dass dieser kleiner „Aristokrat“, wie Lajos Méhely sie bezeichnet hat, aus unsere Fauna verschwindet. Am 28. April, 1892 hat Ottó Hermann an der 5. Sitzung der Zoologische Fachabteilung der Königliche Ungarische Naturwissenschaftliche Gesellschaft eine Vortrag über der Verbreitung der Pelias berus –die Kreuzotter – gehalten, und hat auch zwei Exemplare präsentiert, denen sein Hund auf der Rákos aufgespürt hat.
Diese Tiere haben das Interesse von Lajos Méhely, emporragenden Zoologe der Zeit, geweckt. Er meinte, dass diese Tiere sich von der Kreuzotter unterscheiden, und hat sie somit als Vipera berus var. rakosiensis definiert. Dieser Artikel wurde am 29. Mai, 1893 veröffentlicht, und nach einigen Monaten hat Boulenger, Museologe des British Museums, seine Meinung geäußert, dass diese Tiere nicht eine Variante der Kreuzotter darstellen, sondern identisch mit der Art sind, die von Bonaparte in 1835, als Vipera ursinii beschrieben wurde. Es folgte eine heftige Debatte, am Ende hat aber Méhely die Meinung von Boulenger akzeptiert. Er schrieb die folgenden: „Vipera rakosiensis soll sich also vor der Priorität von Vipera ursinii beugen, allerdings ist es ihn zu danken, dass sich die nimmer gewürdigte V. ursinii erneut belebt hat, oder auch, genau wegen der Ungarischen Wiesenotter nur jetzt wirklich geboren ist.“ Der Autor weist hier darauf hin, dass damals Bonaparte die Schlange von Gran-Sasso, nur bei der Schilderung von Pelias (Vipera) berus nebensächlich erwähnt hat, und beantragte, sie als Pelias (Vipera) ursinii zu ernennen, in dem Fall, wenn es sich herausstellen sollte, dass dieses Tier eine andere Art zugehört.
Jedenfalls hat Méhely es nur schwierig akzeptieren können, dass die, in Tiefebenen lebende Ungarische Wiesenotter identisch mit der bergbewohnende Form von Bonaparte sei, und hat seine Meinung bis zu seinem Tod verteidigt. Es stellte sich heraus, dass er Recht hatte. Obwohl die Ungarische Wiesenotter zurzeit nicht eine separate Art ist, wurde seine Unterart Status in den sechziger Jahren bestätigt.
Ein Blick sollte auch auf den Name dieser Art geworfen werden.
„ Ich würde als ungarischer Name der Art rákosi vipera (Otter von Rákos) behalten, nicht nur weil sie dort am häufigsten zu finden ist, sondern auch wegen historischer Gründe die dieser Name betreffen“ – schrieb Méhely in einer ihre Artikel in 1893. Später wurde sie wegen politischen Gründen – wegen Mátyás Rákosi, Generalsekretär der Kommunistischen Partei Ungarns – auf Brachenotter (parlagi vipera) umbenannt, was ja sehr irreführend ist, da diese Schlange nicht die Bewohner von Brachen ist. Aus diesen Hinsicht wäre die englische (meadow viper) oder deutsche (Wiesenotter) Name besser. In den letzten Jahren haben einige Autoren sie, als rákosréti vipera (Otter aus den Wiesen von Rákos) genannt, was sie vermutlich von Dely übernahmen, wer die Art, in der Band „Reptilien“ von „Tierreich Ungarns“ (Magyarország Állatvilága – Hüllők) so bezeichnet hat. Unsere Meinung ist aber, dass wir den Antrag von Lajos Méhely, Beschreiber der Unterart, in Ehre halten, und den ursprünglichen Namen benutzen sollten. Noch ein interessanter Fakt bezüglich des Namens kann erwähnt werden. Die Volkssprache zwischen der Donau und der Theiß kennt sie als Sandotter, was natürlich nicht identisch mit die südlicher lebende Europäische Hornotter (Vipera ammodytes Linnaeus, 1758), auch Sandotter genannt, ist.












